Mittagsmüdigkeit

Die Mittagszeit ist mir gerade die liebste Zeit des Tages. Der Gedanke, dass sich am anderen Ende der Welt ein Mensch gerade im Tiefschlaf befindet, den Kopf auf dem Kissen ruhend und die Decke bestimmt bis an die Nasenspitze hochgezogen, beruhigt mich ungemein. Wo andere über das Mittagstief jammern, genieße ich den kleinen Moment der Müdigkeit in diesem Schlaf-Wach-Rhythmus, der sich Leben nennt.

#augustbreak2017 – Stone


Es gibt Plätze, die sich in ihrer Substanz nicht verändern. Natürlich gibt es immer mal eine andere Eisdiele nebenan, neue Reklame oder die Veränderung einer Ladenzeile. Und auch die Mode derer, die über angelegten Wege zwischen den Grünflächen flanieren, wechselt von Saison zu Saison. Mal ertönt Electro aus den mitgebrachten Bluetooth-Boxen, mal orientalische Musik aus den Lautsprechern beim Stadtfest. Doch all das findet auf ein und demselben Platz statt, der heute noch genauso aussieht wie in meiner Kindheit oder der Kindheit meiner Großeltern. Stein ist beständig.

Wettlauf

Wenn das Leben so schnell rennt, dass du nicht mehr mithalten kannst: Der Asphalt unter den Füßen, die quietschenden Schuhe, der Mensch im Trikot vor dir. Keuchend läufst du hinterher und siehst irgendwann nur noch Staub, als deine Beine dir den Dienst verweigern. Völlig aus der Puste hältst du dich an der Straßenlaterne fest. Dein Herz klopft dir bis zum Hals und kleine Schweißtropen fließen über deine Stirn. Du atmest tief ein, ziehst den Sauerstoff durch Mund und Nase und hörst dem Herzklopfen zu. Das Leben pocht in dir und so hast den Blick längst von deiner Laufstrecke abgewandt. Soll sie doch ohne dich rennen, diese verrückte Welt. Soll sie dich in ihrem Um-sich-selbst-Kreisen mittragen, denkst du plötzlich, und drückst die Hände auf den Boden.

Gemeinsam einsam

Der Himmel ist blau und leuchtet.

Ich lerne, dass meine Isolationsgefühle völlig normal sind. Das Gefühl, am Ende allein zu sein, ist weder neu noch erschreckend (auch wenn es mich umhauen, lähmen und stundenlang betrunken auf dem Sofa zurücklassen kann). Im Gegenteil, das Gefühl ist vertraut und bekannt, und ich kenne diese spätmoderne Gesellschaft viel zu gut, als dass ich noch Angst davor hätte, es in einem Gespräch messerscharf zu benennen. Vielleicht kenne ich auch nur die Literatur, die Frage hat ihre Berechtigung, doch in jedem Fall wurde ich noch nie enttäuscht, es folgten stets ein Nicken und ein verständnisvoller Blick. Ich studiere Literatur- und Kulturtheorie im Master, zu irgendwas muss dieser Studiengang ja gut sein, denke ich gerade.

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Anfang des Monats starb Zygmunt Bauman – gedanklicher Gefährte, persönlicher Hausphilosoph, Lehrer, Vorbild und Inspiration. In seinem Werk „Flüchtige Moderne“ schrieb er über Individualisierung als einen Prozess, dem sich das moderne Subjekt nicht mehr entziehen kann. (Flüchtige Moderne, S. 45f.) Individualisierung als Schicksal und Identität nicht mehr als Vorgabe, sondern als Aufgabe – von Juli Zeh prägnant als der alles beherrschende Imperativ des 21. Jahrhunderts bezeichnet: „Erfinde dich und sei du selbst!“ (Treideln, S. 176)

Unter dem Damoklesschwert der Selbstverantwortlichkeit wird „Lebensführung zur biographischen Auflösung von Systemwidersprüchen“ (Beck, Risikogesellschaft, S. 219), der Einzelne sucht den Grund für Erfolg und Scheitern allein bei sich. Wenn das nun wahlweise zu gnadenloser Selbstüberschätzung oder bodenlosen Depressionen führt, wer sollte noch überrascht sein? In Hashtags wie #systemkrank entdecke ich kleine Gegenbestrebungen, winzige Erkenntnismomente in dem Versuch, statt auf eine bloße Ähnlichkeit der Probleme der Einzelnen auf deren Wurzel im System, d.h. auf die soziale Produktion der Risiken und Nebenwirkungen, hinzuweisen. Ist dies ein Zeichen für das Wiedererstarken des Bürgers, welcher (als Baumans Gegenbild zum Individuum) sein Wohlergehen an das Wohlergehen der Stadt knüpft, oder nur ein flüchtiger wechselseitiger Trost, ein Treibholz, an das sich die unweigerlich Sinkenden noch einige Minuten oder Stunden lang zu klammern versuchen?

Zygmunt Bauman, Flüchtige Moderne, S. 47

Zygmunt Bauman, Flüchtige Moderne, S. 47

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Es sind immer die kleinen Dinge.

Es sind die kleinen Dinge im Leben, auf die es ankommt. Nicht die großen Gesten, die theatralischen Auftritte, die beeindruckenden, lange geplanten und überall beworbenen Wichtigkeiten. Natürlich setzen sich diese Momente in unserem Kopf fest. Wir können all den Jubiläen und Rückblenden sowieso nicht aus dem Weg gehen und spätestens beim Durchblättern der Fotoalben werden wir wieder an sie erinnert. Doch hinter den vielen inszenierten, zelebrierten, durchstudierten Großauftritten sind es am Ende doch die Augenblicke am Rande derselben, die uns verändern. Noch heute spüren wir die tröstende Hand auf der Schulter in der Garderobe des Schulballs, blicken in frisch verliebte Augen, während unser Herz einen kleinen Hüpfer macht, fühlen den aufmunternden Blick eines Freundes auf uns ruhen, wenn wir das Wort ergreifen, denken an Worte wie „Danke“ und „Das war schön“ und an krakelig geschriebene Sätze auf abgegriffenem Papier. Wir erinnern uns nicht an die feierliche Zeugnisübergabe, sondern daran, wie wir danach auf dem sonnenwarmen Feldweg lagen, wir können kaum mehr sagen, wer bei diesem runden Geburtstag dabei war, aber wissen noch gut, wie ein paar Blicke genügten, um einem lange nicht gesehenen Bekannten die Ausweglosigkeit einer bevorstehenden Trennung zu vermitteln. Wir haben längst vergessen, wie ein Mensch aussah oder welch lang ausgewähltes Kleidungsstück er trug, wenn wir daran zurückdenken, wieviel uns seine Einladung oder sein Wohlwollen damals bedeutete. Es sind die wenigen Momente, in denen wir zuließen, dass so etwas wie Intimität entstand. Momente der stillen Übereinkunft, des unausgesprochenen Verständnisses, der unbedachten und doch alles offenbarenden Geste. Sie können nicht hergestellt oder erzeugt werden. Sie sind nicht planbar. Sie entstehen neben und im Verzicht auf alle Inszenierung. Wer sie erschaffen will, wird scheitern – und während des Versuchs vielleicht doch unverhofft und unerwartet mit ihnen beschenkt.

Happy People – ein Jahr in der Taiga

Ich möchte euch heute auf einen Film aufmerksam machen, der mich sehr beeindruckt hat:
„Happy People – ein Jahr in der Taiga“.

Der Film ist ein Porträt des Lebens in der sibirischen Taiga und begleitet die Bewohner des Dorfes Bakhta durch ihren Alltag. Besonders im Blick steht dabei das Leben der Trapper bzw. Jäger. Ein einzelner Jäger wird durch alle vier Jahreszeiten begleitet, die Vorbereitungen für die Jagdsaison im Frühling und Sommer, die Ernte im Herbst und schließlich die Jagd im Winter, bei der er alleine auf einem Gebiet von 1500 Quadratkilometer mit seinem Hund unterwegs ist.

Das Material des Films stammt von Dmitry Vasyukov und wurde vom deutschen Regisseur Werner Herzog für diesen Film weiterverwendet. Herzog persönlich kommentiert die Bilder aus dem Off, hält sich aber auch über weite Strecken zurück, sodass man die Bilder ganz auf sich wirken lassen kann. Die Schönheit, Weite, aber auch Härte der Natur sind überwältigend. Ziemlich zu Beginn des Films sagt der Trapper:

Man sagt, man kann einem Mann alles nehmen, seinen Reichtum, seine Gesundheit und all das. Nur sein Handwerk, das kann man ihm nicht nehmen. Hat man ein Handwerk erlernt, dann beherrscht man es für den Rest seines Lebens.

Um in der rauen und ursprünglichen Natur überleben zu können, sind diese handwerklichen Fertigkeiten mehr als nötig. Die rund 300 Menschen aus Bakhta leben in völliger Abgeschiedenheit – ohne Telefon, fließendes Wasser oder medizinische Versorgung. Sie ernähren sich hauptsächlich vom Fisch, den sie im Fluss Yenisei fangen können. Die Trapper stellen ihre Fallen vor allem, um Zobel (eine Art Marder) zu fangen, die sie dann verkaufen können.

Den englischen Trailer zum Film findet ihr hier. Leider ist der Film online nicht auf deutsch verfügbar. Auf Englisch kann durch sich durch die vier Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter schauen – vielleicht seid ihr aber auch Mitglied bei Lovefilm, maxdome,… und findet den Film da in euren Paketen oder könnt ihn für 3 Euro leihen.

Ich persönlich liebe solche Dokumentationen über andere Länder und Kulturen. Gerade Sibiren hat es mir in letzter Zeit sehr angetan. Ich bewundere die Menschen, die dort leben. Sie können es nur, indem sie jeden Tag harte körperliche Arbeit verrichten und sich ganz auf den Rhythmus der Natur einlassen. Wenn ich einen Einblick in ein solches Leben bekomme, betrachte ich mein eigenes westliches Leben aus einem anderen Blickwinkel. Da ist die übliche Frage, ob wir wirklich für ein Leben mit so vielen technischen Erleichterungen und so viel Freizeit gemacht sind. Wie wir es verantwortungsvoll gestalten können. Und wo und wie und mit wem ich persönlich überhaupt leben möchte.
Wer zu diesem Thema noch weitere Gedankenanstöße wünscht, kann gern bei Frau Haessy reinschauen, die letzten Monat einen nachdenkenswerten Beirag über „Irgendwas mit Mammuts“ schrieb.

Ansonsten lasst euch einfach gefangen nehmen von der sibirischen Wildnis, von Naturgewalten und einer fremden Kultur! Ich wünsche euch viel Freude beim Schauen!

Die Sache mit den BWLern

Manchmal erscheinen einem ja bestimmte Personengruppen besonders attraktiv.

Da gibt es Mädchen, die vor allem auf den Künstlertypen stehen.
Sie fühlen sich magisch angezogen von langhaarigen Gitarrenspielern, die ihre tiefgründigen Texte vertonen, von Kreativen, deren lyrische Ader sich auf Poetry Slams zeigt, oder im fortgeschrittenen Stadium dann gerne auch von Bassisten (Merke: „Stille Wasser sind tief“).

In Berlin fanden sich hingegen einige junge Männer, denen die Frauen, pardon: „Mädchen“ gar nicht blond und zierlich genug sein konnten, modische Kleidung ein „must-have“, am besten mit einem Portfolio an semiprofessionellen Fotos im Internet (Zitat: „So ein Model als Freundin ist eben schon ein Statussymbol“).

Dass ich gegen derlei Fixierungen nicht gefeit war, merkte ich schon, als ich monatelang auf mein Frischkäsebrot Meerrettich strich. Ich war dem Meerrettich hoffnungslos verfallen. Frischkäse ohne Meerrettich? Nein, das ging gar nicht mehr. Der Meerrettich war mein Ein und Alles.

Nach meiner Entscheidung, noch alternativer als die Alternativen zu werden (= spießig), umgab ich mich dann auch gerne mit den klassischen Spießern, vornehmlich BWLern, Juristen oder – eine unterschätzte Gruppe – den Wirtschaftsingenieuren. Im Gegensatz zu mir hatten sie eine klare Vorstellung davon, wie die Welt funktionierte – und zierten sich selten, mir diese ausführlich darzulegen. Sie waren deutlich besser gekleidet als die meisten meiner Kommilitonen (vor allem: endlich mal ein richtiger Haarschnitt!) und sobald sie auch nur den Anschein eines souveränen Auftretens erweckten, konnten sie sich meiner ersten Aufmerksamkeit sicher sein. Gegen Arroganz habe ich nach wie vor nichts einzuwenden – allein ein zu großspuriger oder aber zu knausriger Umgang mit dem Einkommen aus gut bezahlten Praktika, Nebenjobs (oder dem Geldbeutel wohlhabender Eltern) konnte mich abschrecken.
Die Begegnung mit ihnen war bereichernd – vor allem, weil manches, was von Geisteswissenschaftlern meiner Couleur pseudoreflektiert und vorschnell als oberflächliches Vorurteil abgetan, sich schließlich doch bewahrheiten sollte.

Doch wie auch mit dem Meerrettich, den ich zwar immer noch liebe, hat man irgendwann einfach einen Überdruss. Man hat schlicht zu viel davon.

Und da sitzen wir nun, in einem kleinen Café in Berlin, zu sechst an einem schönen großen Tisch. Deine 20er-Jahre-Brille steht dir hervorragend, doch ich verzichte darauf, es dir mitzuteilen. Schon in diesem Moment hätte ich stutzig werden sollen – etwas hatte sich verändert. Und als du nun beginnst, mir die Welt zu erklären, da blicke ich nur auf und noch bevor mein Verstand den Gedanken fasst, formt mein Mund die Worte: „Sorry,… ich kann dir jetzt nicht zuhören. Ich habe mich an BWLern einfach überfressen.“

25

Hier sind wir nun
Gestrandet
In der Welt der Erwachsenen
Knie aufgeschlagen
Am Boden der Realität
Für diese Kratzer
Reicht ein Trostpflaster nicht aus
Die Zukunft, die so strahlend schien
Wird fleckig, wenn man nach ihr greift

Die Welt, die wir
Erobern wollten
War doch viel zäher als geplant
Haben uns verhoben
An unsrer scheinbar leichten Last
Fetzen von zerplatzten Träumen
Weh’n wie Fahnen in der Luft
Dieses Leben ist uns viel zu groß
Und keiner sagt, da wachsen wir noch rein

(c) Stefanie Seibel

Mich begleitet dieses Gedicht schon seit einigen Jahren. Ich habe Stefanie Seibel auf der Seite webstories entdeckt und es ist schade, dass sie dort schon so lange nichts mehr veröffentlicht hat. Im Emailkontakt schrieb sie mir aber, dass es sicher spannend wäre, nun ein Gedicht mit dem Titel „30“ zu schreiben.. Das denke ich auch und es würde mich sehr interessieren!

Vielleicht fühlt sich ja aber auch ein Leser hierzu berufen? ;-)

Berlin

Hinter mir liegt ein intensives Wochenende in Berlin. Fotos sind nicht so ganz mein Ding, dennoch hab ich mich darin versucht, ab und an mal zu knipsen, um dann ganz stümperhaft obige Collage zu erstellen. (Vielleicht hätte ich besser beim gehenden, grünen Ampelmännchen drücken sollen?)

Für mich ist Berlin immer voll an Inspiration, an Begegnung, an Energie. Es kostet mich Kraft, dort zu sein, doch es gibt mir auch sehr viel. Vielleicht werde ich hier noch den ein oder anderen Beitrag dazu verfassen.

Heute nur ein paar Bilder

und die Empfehlung für den besten Döner überhaupt ;-)

Liebe Grüße! Mathilda

Frankfurt am Main

Blauer Himmel

Wohnen im Mansardenzimmer

Fluglärm

…und jede Menge Arbeit!

Nein, dieses Mal bin ich keine Praktikantin, sondern eine bezahlte Aushilfe und verbringe somit meine Semesterferien die vorlesungsfreie Zeit als Teil der wahrhaft arbeitenden Bevölkerung :-) Und ich halte es für durchaus realistisch, dass ich hier noch eine Liebeserklärung an meine Arbeit schreiben werde. Denn auch wenn manches davon zäh ist wie Kaugummi, genieße ich es doch sehr, wieder hier zu sein.

…und wie verbringt ihr euren Sommer? 
Ich freue mich über Kommentare!