Gemeinsam einsam

Der Himmel ist blau und leuchtet.

Ich lerne, dass meine Isolationsgefühle völlig normal sind. Das Gefühl, am Ende allein zu sein, ist weder neu noch erschreckend (auch wenn es mich umhauen, lähmen und stundenlang betrunken auf dem Sofa zurücklassen kann). Im Gegenteil, das Gefühl ist vertraut und bekannt, und ich kenne diese spätmoderne Gesellschaft viel zu gut, als dass ich noch Angst davor hätte, es in einem Gespräch messerscharf zu benennen. Vielleicht kenne ich auch nur die Literatur, die Frage hat ihre Berechtigung, doch in jedem Fall wurde ich noch nie enttäuscht, es folgten stets ein Nicken und ein verständnisvoller Blick. Ich studiere Literatur- und Kulturtheorie im Master, zu irgendwas muss dieser Studiengang ja gut sein, denke ich gerade.

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Anfang des Monats starb Zygmunt Bauman – gedanklicher Gefährte, persönlicher Hausphilosoph, Lehrer, Vorbild und Inspiration. In seinem Werk „Flüchtige Moderne“ schrieb er über Individualisierung als einen Prozess, dem sich das moderne Subjekt nicht mehr entziehen kann. (Flüchtige Moderne, S. 45f.) Individualisierung als Schicksal und Identität nicht mehr als Vorgabe, sondern als Aufgabe – von Juli Zeh prägnant als der alles beherrschende Imperativ des 21. Jahrhunderts bezeichnet: „Erfinde dich und sei du selbst!“ (Treideln, S. 176)

Unter dem Damoklesschwert der Selbstverantwortlichkeit wird „Lebensführung zur biographischen Auflösung von Systemwidersprüchen“ (Beck, Risikogesellschaft, S. 219), der Einzelne sucht den Grund für Erfolg und Scheitern allein bei sich. Wenn das nun wahlweise zu gnadenloser Selbstüberschätzung oder bodenlosen Depressionen führt, wer sollte noch überrascht sein? In Hashtags wie #systemkrank entdecke ich kleine Gegenbestrebungen, winzige Erkenntnismomente in dem Versuch, statt auf eine bloße Ähnlichkeit der Probleme der Einzelnen auf deren Wurzel im System, d.h. auf die soziale Produktion der Risiken und Nebenwirkungen, hinzuweisen. Ist dies ein Zeichen für das Wiedererstarken des Bürgers, welcher (als Baumans Gegenbild zum Individuum) sein Wohlergehen an das Wohlergehen der Stadt knüpft, oder nur ein flüchtiger wechselseitiger Trost, ein Treibholz, an das sich die unweigerlich Sinkenden noch einige Minuten oder Stunden lang zu klammern versuchen?

Zygmunt Bauman, Flüchtige Moderne, S. 47

Zygmunt Bauman, Flüchtige Moderne, S. 47

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Über Wahrheit und Schönheit.

Dieser Beitrag ist ein Zwischenspiel in Verbindung mit dem Emergent Forum, in das ich letztes Wochenende hochgradig involviert war. Meine regelmäßigen Leser*innen mögen es mir nachsehen, dass ich auf Einleitung und Hinführung verzichte. Wer sich über die Veranstaltung informieren will, darf gern das Internet nutzen, aber ich möchte direkt zum Punkt kommen und mich mit einer Aussage aus Christinas Vortrag auseinandersetzen.

Hören wir doch auf, etwas falsch oder richtig zu finden.
Fangen wir wieder an, etwas schön zu finden.

Natürlich reiße ich den Satz jetzt aus seinem Kontext und gerade deshalb will ich zuerst versuchen, die Stoßrichtung aufzuzeigen, aus der ich ihn verstehe und sogar unterschreiben kann. Vor ein paar Wochen beantwortete ich eine Presseanfrage dazu, wie die Jesus Freaks sich zu anderen Religionen verhalten, ob diese als alternativer Weg ok/seligmachend/heilsversprechend/whatever seien und was wir überhaupt so von anderen religiösen Praktiken halten. In meiner Antwort machte ich deutlich, dass die meisten Jesus Freaks, die ich kenne, sich nicht sonderlich mit anderen Religionen als möglichem Heilsweg befassen, aber durchaus den Andersgläubigen mit Respekt und Wertschätzung begegnen. Ich schrieb über das Festhalten am Eigenen ohne Abwertung des anderen und zitierte dabei auch eine Mitchristin mit: „Ob es noch eine andere göttliche Wahrheit gibt, ist mir egal, ich gehe mit Jesus.“
Wenn es um den Kontakt und das Gespräch mit anderen Religionen geht, ist der Wahrheitsbegriff oft schwierig, weil „wahr“ in unserer Logik sofort sein Gegenteil „falsch“ hervorholt. Es scheint fast, als könne ich nicht über meine eigene Religion als „wahr“ sprechen, ohne gleichzeitig eine andere Religion als „falsch“ abzulehnen. Meines Erachtens muss das aber nicht so sein. Anstatt mit Aussagen wie „Unseres ist richtig, eures ist falsch.“ zu operieren, will ich vielmehr das Eigene erklären, groß machen, mit Überzeugung und Hingabe vertreten oder, wie Christina sagte, davon schwärmen. All das ist möglich, ohne das Gegenüber mit seiner Glaubenserfahrung abzuwerten.

Auf der anderen Seite jedoch löst die oben zitierte Aussage Bauchschmerzen bei mir aus. Auch dazu eine kurze Anekdote: Als ich Anfang 20 war, begegnete ich einem jungen Neonazi, wir gingen zusammen spazieren und unterhielten uns über unsere Leben und unsere Überzeugungen. Ich wollte natürlich wissen, warum er sich der rechten Szene angeschlossen hatte und auch, woran er glaube. Daraufhin erzählte er mir Geschichten aus der alten gemanischen Mythologie und zeigte mir auch seine Halskette mit einem entsprechenden Symbol. Nach einiger Zeit frage ich ihn dann: „Glaubst du denn daran?“ und er antworte: „Glauben? Nun ja, lass es mich so sagen: Ich finde es schön, einen schönen Gedanken.“
Worauf ich damit hinauswill? In der Innenperspektive meiner eigenen Religion reicht es mir nicht, einen Gedanken bloß schön zu finden. Ich will auf den Wahrheitsbegriff nicht verzichten – und sei es nur in seiner geringsten Form als subjektive, erlebte Wahrheit, als ein „Ich erlebe das als wahr, als sinnvoll, bedeutend, tragfähig für mein Leben.“ Mir reicht es nicht aus, die Auferstehung schön zu finden. „Schön“ ist mir hier zu oberflächlich, das ästhetische Empfinden zu beliebig und  – um Christina mit diesem Beitrag nun nicht Unrecht zu tun – es trifft m.E. auch nicht ihre Überzeugung. Wir haben an dem Wochenende viel über Gnade gesprochen, die von Gott kommt und zuvorkommend, mächtig, stark ist, sodass man selbst sich gar nicht entziehen kann. Eine solche existentielle Erfahrung will ich nicht nur über Schönheit artikulieren.

Ich könnte jetzt ein harmonisierendes Fazit schreiben und darüber nachdenken, für wie viele Menschen es vielleicht sinnvoll und hilfreich ist, dieses Starkmachen des Eigenen ohne Abwertung des anderen in genau diesen Worten zu hören und zu denken. Trotzdem will ich festhalten, dass Wahrheit und Schönheit nicht gegeneinander ausgespielt werden müssen, dass die geforderte Akzentverlagerung ihre Grenzen hat und dass die Dichotomie von richtig und falsch nicht in jedem Leben zu einem Schwarz-Weiß-Denken führt, sondern dass „wahr“ und „richtig“ meinen eigenen Glauben auch auf einer notwendigen, tieferen Ebene verankern können.

#augustbreak2016 – Love is…

14_love is

Liebe ist etwas, das nicht verborgen bleibt.
Liebe will raus und sie will das Beste für den anderen. Daher findet sie immer wieder Wege, sich zu zeigen: Im Zuhören und Helfen, in gemeinsamem Lachen, in Loyalität. Im unermüdlichen Dasein, in Geschenken und kleinen Gesten, in aufmunternden Worten oder einer liebevollen Umarmung.

Gary Chapman prägte den Begriff von den „5 Sprachen der Liebe“: Lob und Anerkennung, Zweisamkeit, Geschenke, Hilfsbereitschaft, Zärtlichkeit. Jeder Mensch drücke seine Liebe mit unterschiedlichem Schwerpunkt durch diese Sprachen aus und fühle sich vor allem dann geliebt, wenn ihm dies in „seiner“ Sprache gezeigt würde. Dieses Konzept halte ich für einleuchtend und mit etwas Reflexion und Kommunikation kann es das gemeinsame Leben erleichtern.

Auf dem Bild seht ihr einen Brief meines damals 11jährigen Patenkindes, der mich bis heute beeindruckt. Vor ein paar Jahren war mein Mann kurzzeitig arbeitslos und so lief es finanziell nicht gerade rund bei uns. Als mein Patenkind das mitbekam, spazierte er schnurstracks in sein Zimmer und kam mit 20 Euro wieder, die er uns ganz unbedingt schicken wollte. Seine Mutter zögerte kurz, konnte es ihm aber nicht guten Gewissens verweigern. Denn er hatte sehr genau verstanden, worum es ging: Wenn jemand gerade weniger hat, dann geben wir ihm etwas ab, und wenn wir selbst Hilfe brauchen, werden wir sie auch bekommen.

Solidarität im Alltag – auch das ist Liebe.

Hilfswörter für 2015: Vertrauen und Gebet

Anfang des Jahres stellte ich euch mein Wort für 2015 vor: Hingabe. Es begleitet mich durch das Jahr und ich tauche immer tiefer in dieses Wort ein und entdecke neue Aspekte daran.

Interessanterweise reihen sich meine 4 Hilfswörter in diesem Jahr wie eine Kette aneinander. Hier erzählte ich davon, wie mich von Januar bis April vor allem die Disziplin voranbrachte, während in meiner Prüfungsphase von Mai bis Juli die Stärke im Vordergrund stand. Übrig blieben: Vertrauen und Gebet. Darüber will ich heute schreiben.

Vertrauen

Ich kann sagen, dass sich in diesem Sommer Stärke und Vertrauen die Klinke in die Hand gaben. Mein Mann machte eine harte Zeit durch, was natürlich seine Auswirkungen auf unsere Beziehung hatte. Bereits im Juli war ich dankbar für alles, was mich in dieser Zeit stärkte und dabei besonders von meinem eigenen, inneren Grundvertrauen immer wieder verblüfft. Ich sehe es als ein Geschenk Gottes, dass ich innerhalb kürzester Zeit all die schwierigen, erschütternden Entwicklungen aus der Perspektive des Vertrauens betrachten konnte. Viele sehen Scherben, wenige sehen ein Mosaik, ich sah, dass Gott alles NEU und heil machen kann. Dass es eine Zukunft gibt. Dass diese Krise die Chance zu etwas Neuem und Wunderschönen birgt. Und dabei geht es nicht darum, dass aus den vielen kleinen und großen Scherben ein Mosaik zusammengesetzt wird, vor dem dann alle stehen und „Ah!“ und „Oh!“ sagen. Weg mit solchem Kitsch! Wer von euch will ernsthaft so ein geklebtes und krümeliges Teil? Ja, natürlich können Mosaike wunderschön sein und Kindergartenbilder sowieso, aber es gibt noch mehr! Als ich neulich in einer Lectio divina über dem Wort „geheilt“ (Markus 5) meditierte, wurde es mir so deutlich:

Knochen zusammensetzen können auch Ärzte und Pathologen. Gott macht alles neu.

Fazit

Mein Vertrauen trug mich und half mir durch das unwegsame Gelände. Wenn ich noch zögerte, wohin ich meinen Fuß setzen sollte, so zeigte es mir sicheren Grund und beschützte mich. Vertrauen ist wie ein warmer Mantel in der Kälte, es weist dich auf das hin, was du gerade nicht sehen kannst, es lässt dich Dinge fühlen, die aus der Zukunft sind. Einer hellen und warmen neuen Zeit. Ich will es noch so viel mehr!

Gebet

Anfang des Jahres war ich sehr gespannt, wie es mit mir und dem Beten weitergehen sollte. Vor etwa einem Jahr habe ich einige Gedanken zum Bittgebet mit euch geteilt und nachdem ich bei diesem Thema nicht so richtig weiterkam, konzentrierte ich mich mehr auf das „Sein vor Gott„, das ich auch schon in einem Beitrag beschrieben habe. Gebet hat für mich mittlerweile nur noch wenig Gesprächscharakter. Alles, was ich früher am Thema „persönliche Beziehung zu Gott haben“ und „Jesus ist dein Freund, mit dem du reden kannst“ geschätzt habe, tritt zunehmend in den Hintergrund. Gebet ist für mich mehr wie Einatmen und Ausatmen. Ich glaube an die Präsenz Gottes in jedem Augenblick. Wenn ich bete, öffne ich mich dafür, ich schaue, werde still vor Gott.Früher habe ich Gott sehr vieles aus meinem Alltag erzählt und denke auch nicht, dass das etwas Schlechtes ist. Doch wenn ich mir im Prinzip nur über meine eigenen Gedanken zu einem Thema klar werden will, kann ich auch mit Freunden reden oder Tagebuch schreiben. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich formuliere immer noch Sätze an Gott und höre auch immer noch Antworten darauf. Aber das Zwiegespräch ist einen Schritt zurückgetreten und hat einem „Einfach nur da sein und wissen: Gott ist jetzt hier.“ Platz gemacht.

Fazit

In dieser Hinsicht hängen Vertrauen und Gebet noch stärker zusammen. Wenn ich mit Gott verbunden bin, dann habe ich auch einen anderen Blick, eine vertrauensvolle Perspektive auf das Leben. Jetzt dürfte mir das in dieser Schärfe und Klarheit nur gern öfter und alltäglicher bewusst werden! Denn ihr braucht mich hier nicht für eine geistliche Überfliegerin halten. Ich habe nur aus einer eher dunklen und trüben Gegenwart die hellen Lichtmomente aneinandergereiht und daraus diese Erkenntnisse formuliert, die ich für wahr und klar und richtig halte. Vielleicht muss man aber auch manchmal im Dunkeln sitzen, um genau dieses Licht so deutlich erkennen zu können.

Ausmisten mit der KonMari Methode (Erfahrungsbericht) – Teil I

In regelmäßigen Abständen habe ich das Bedürfnis, auszumisten und Dinge loszuwerden. Ich brauche Luft, Platz und Ordnung um mich herum, um denken zu können. Dabei gehöre ich nicht zu denen, die einen besonders voll gestopften Haushalt oder überfüllten Kleiderschrank haben (was ihr euch nach meinen Gedanken zum Thema Minimalismus (Kleidung) vermutlich schon denken konntet). Allerdings habe ich ein feines Gespür dafür, wenn Dinge nur noch „da“ sind, aber eigentlich keinen Zweck mehr in meinem Leben erfüllen. Es staut sich immer mehr Besitz an – ein Gefühl, das mich niederdrückt und für Beklemmungen sorgt. Vor einigen Monaten musste daher eine radikale Veränderung her und so suchte ich im Netz nach nützlichen und erprobten Methoden, Gegenstände auszusortieren.

Dabei stieß ich auch auf die KonMari Methode, die Aufräummethode der Japanerin Marie Kondo. Über diverse Blogeinträge und Videos konnte ich mir schnell einen Überblick verschaffen und legte mir auch ihr Buch „Magic Cleaning“ zu. Im folgenden will ich euch einen kurzen Überblick über die Methode geben und von meinen eigenen Erfahrungen berichten. Da der Artikel ungewöhnlich lang geworden ist, habe ich entschieden, ihn in drei Teilen zu posten.

Die KonMari Methode

„Wer jeden Tag ein bisschen aufräumt, räumt sein ganzes Leben auf.“ Das ist einer der Standardsätze von Marie Kondo. Ihr Ziel ist es, „in einem Rutsch, in kurzer Zeit und perfekt“ aufzuräumen. Dazu nimmt man sich nacheinander die verschiedenen Bereiche in seinem Besitz vor, beginnend mit der Kleidung, über Bücher und Schriftstücke bis zum Kleinkram. Wichtig ist, nicht Zimmer oder Fächer nacheinander aufzuräumen, sondern alle Dinge, die zu einem Bereich oder einer Kategorie gehören, gesammelt anzugehen.

Im Falle der Kleidung räumt man also nicht nur seinen Kleiderschrank aus, sondern bringt alle Kleidungsstücke aus der ganzen Wohnung an einen zentralen Ort.  Viele schreiben im Netz, dass dies ein Schlüsselmoment für sie war, weil ihnen gar nicht klar war, wie viel sie besitzen.

Anschließend nimmt man jedes einzelne Kleidungsstück in die Hand und entscheidet in diesem Moment, ob man es behalten möchte oder nicht. Dabei stellt man sich innerlich die Frage „Does it spark joy? / Macht es mich glücklich?“. Wenn das der Fall ist, lautet die Antwort: behalten. Wenn nicht, sollte man sich klar machen, dass dieses Teil einen bestimmten Nutzen und Zweck im eigenen Leben hatte und diesen nun erfüllt hat. Anschließend bedankt sich bei dem Kleidungsstück für die Freude, die es in das eigene Leben gebracht hat, und verabschiedet sich von ihm.

Der Prozess des Ausmistens ist geradezu meditativ, man steht im inneren Zwiegespräch mit sich selbst und sollte sich auch durch nichts anderes (wie z.B. Musik) stören lassen. Wichtig ist, dass man sich im Vorfeld Zeit nimmt, um die eigene Motivation für das Aufräumen zu klären und um sich das Leben, das man führen möchte, vor Augen zu stellen. Je klarer dieses Bild ist, desto leichter fällt es dann, Entscheidungen zu treffen.

Erfahrungsbericht – Teil I (Vorab-Überlegungen)

Ich habe mir das Buch „Magic Cleaning“ angeschafft, um die Aufräummethode wirklich „richtig“ angehen zu können. Die wesentlichen Informationen erhält man jedoch auch im Internet und ich muss sagen, dass das Buch an vielen Stellen redundant und für meinen Geschmack zu ausführlich ist. Der Mehrwert des Buches bestand für mich in einem Abschnitt, in dem die o.g. Vorab-Überlegungen betont wurden. Mit der Frage „Macht es mich glücklich?“ stand ich nämlich von Anfang an eher auf Kriegsfuß, da ich es kritisch sehe, allein das eigene Glück als Handlungsmaxime festzusetzen. Ich habe daher die Frage für mich etwas angepasst: „Passt der Gegenstand zu dem Leben, das ich führen will?“

Dazu sollte man natürlich für sich selbst geklärt haben, wie dieses Leben denn aussieht. In Bezug auf Kleidung geht es mir so, dass sie zu mir als Person passen soll. Sie soll meine Persönlichkeit unterstreichen und ich möchte mich in ihr wohl fühlen. Mittlerweile habe ich einen Stil gefunden, der mir gefällt. Um mir selbst beim Ausmisten zu helfen, habe ich verschiedene Stichworte, die diesen (Lebens-)Stil beschreiben, auf Kartons geschrieben und um den „Behalten“-Korb herum ausgelegt. Ein Stichwort dabei war simple Schönheit. Es bedeutet für mich klare Linien & Schnörkellosigkeit sowie praktische, zweckmäßige Kleidung, die jedoch nicht nach Wanderausflug aussieht. Vielmehr möchte ich mich in der Kleidung weiblich und stark fühlen.

Wichtig beim Ausmisten ist, dass man aus dem Kleidungs- oder Bücherberg die Teile identifiziert, die man behalten will. Meistens sind Aufräummethoden ja eher darauf ausgelegt, herauszufinden, was man loswerden möchte. Die Fragestellung bei der KonMari Methode ist genau umgekehrt: „Möchte ich diesen Gegenstand behalten?“ Dabei helfen kann auch die Frage: „Würde ich diesen Gegenstand heute sofort wieder kaufen?“

Im nächsten Beitrag geht es weiter mit dem Thema Kleidung. Davor würde mich natürlich interessieren, was auf euren Karten stehen würde. Welchen Kleidungsstil habt ihr? Was passt zu euch? Oder mal ganz groß gefragt: Wie sieht das Leben aus, das ihr führen wollt?

Hilfswörter für 2015: Disziplin und Stärke

Bereits mehr als die Hälfte des Jahres liegt hinter mir, daher wage ich einen Rückblick auf mein Wort für 2015, das ich euch im Januar vorgestellt habe. Doch eigentlich ist „Rückblick“ der falsche Begriff, denn das Wort „Hingabe“ ist zum ständigen Begleiter geworden und ich darf feststellen, dass besonders die 4 ‚Hilfswörter‘ bisher gut gewählt waren.

Disziplin

In den ersten Monaten, Januar bis April, konnte ich besonders Disziplin gut gebrauchen und habe das wirklich sehr intensiv gelebt. Mein Tag begann mit einem morgendlichen Anruf, zwar nicht um dreiviertel 5 wie bei Kant, aber doch häufig mit den Worten „Es ist Zeit!“. Es folgte eine geschichtliche Frage, ob zum Augsburger Religionsfrieden oder der Weimarer Republik, mein Hirn lernte schnell, von Schlaf auf Wissen umzuschalten. Nach einer kurzen Plauderei stand meine persönliche Zeit, u.a. mit aufräumen, duschen, Tee und Frühstück vorbereiten auf dem Programm. Um 8.30 Uhr saß ich dann mit Katze auf dem Sofa und übersetzte kapitelweise aus dem Johannesevangelium. Je zügiger ich voran kam, desto mehr Zeit blieb noch vor 10 Uhr, denn hier begann die nächste große Lerneinheit am Schreibtisch. Bis 12 Uhr las ich Aufsätze und Artikel, exzerpierte und fasste zusammen. Um 12 Uhr wanderte ich dann in die Küche ab, um mir ein Mittagessen zuzubereiten. Dank Biokiste oft mit leckerem Gemüse! Meine Mittagspause ging offiziell bis 2; wenn ich nicht ausnahmsweise mit Freunden telefonierte, saß ich meist auf dem Sofa und schaute eine Serienfolge. Für den Nachmittag standen nun noch zwei Lerneinheiten an, eine stärker inhaltlich fokussierte (von hier nach hier) und eine, bei es mehr um Lesen und Sortieren ging. Je nach Konzentrationskurve ging ich früher oder später raus und machte einen Spaziergang über die Felder. So gut wie immer hatte ich dabei meine Lernstöpsel im Ohr – aufgesprochene Themen, die ich dadurch gut wiederholen konnte. Gegen Ende des Spaziergang genehmigte ich mir aber auch manchmal noch etwas Musik oder Ruhe. Insgesamt lernte ich 6 Stunden pro Tag – nach jahrelanger Selbstbeobachtung kann ich sagen, dass 6 Stunden konzentrierte Arbeit bei mir zum gleichen Ergebnis führen wie mich 8 oder 10 Stunden Schreibtischzwang. So war mein Arbeitstag meist gegen halb 6 oder 6 zu Ende und ich hoffentlich zufrieden.

Fazit

Disziplin ist super! Der festgelegte Tagesablauf hat mir richtig gut getan und mir bei der Bewältigung der anstehenden Lernaufgaben enorm geholfen. Die Katze durfte ihn hier und da auch mal unterbrechen, dann wurde gekuschelt oder gespielt, aber ich kann doch sagen, dass ich meine Lernkästchen gut abhaken und erledigen konnte.

Stärke

Ab Mai war es dann eher Stärke, die vonnöten war. Es galt, die Prüfungsphase durchzuhalten, die erwähnten Klausuren zu schreiben und mich anschließend wieder neu für die mündlichen Prüfungen zu motivieren. Natürlich nutzte mir noch immer die etablierte Disziplin, doch ich muss zugeben, dass sich einiges davon auch wieder auflöste. Mein Tagesablauf war nicht mehr so fest durchgetaktet, ich hatte vielmehr Themen für den Tag und häufig war es dabei bloße Willenskraft, dass ich am Ball blieb. So ist das Wort Stärke sowohl für die Klausurenphase sehr passend als auch für die gerade zurückliegenden Monate Juni und Juli. Hier kam es in meinem privaten Umfeld zu sehr anstrengenden und herausfordernden Entwicklungen, daher zog und zerrten zwei ganz unterschiedliche Bereiche an mir, was wohl auch der Grund dafür ist, dass ich hier kaum etwas von mir hören ließ. Pläne fürs Bloggen hatte ich sehr wohl, aber nicht nur fürs Bloggen… Es hätte gereicht, mich durchs Examen zu manövrieren, doch manchmal sucht man sich die Belastungen eben nicht selbst aus!

Fazit

Ich bin dankbar für die Stärke, die ich in dieser schwierigen Zeit erleben durfte. Eigene, innere Stärke ebenso wie die Stärke von Freundschaften, über die ich ja schon oft geschrieben habe. Selbst wenn mir eigentlich alles zu viel war und ich niemanden mehr hören und sehen wollte, gibt es doch Menschen, bei denen es anders und leicht ist und die mir helfen, den nächsten, vorsichtigen Schritt zu gehen.

Gebet und Vertrauen?

Für die zweite Jahreshälfte bleiben nun Gebet und Vertrauen und wenn ich das selbst so lese, denke ich: hoffentlich! und Wie schön das klingt! Aber ich will mir nichts vormachen, denn auch Vertrauen zu haben oder neu zu fassen kann harte Arbeit sein. Gerade deshalb bin ich dankbar, dass mir Gott in der letzten, aufrüttelnden Zeit immer wieder leise zuflüsterte, dass er es GUT machen wird. Und dass mich das Flüstern auch dann nicht loslässt, wenn mein frisch gebackenes Diplomtheologenhirn ad hoc dreiundzwanzig Einwände gegen Gottvertrauen vorzubringen weiß.

Ja, die Freude am Leben lässt sich nicht beirren. Und um wieder Kraft zu tanken, werde ich jetzt eine schöne Urlaubsreise machen. ‚Urlaub‘, das kommt von ‚erlauben‘ – ich erlaube mir selbst eine Zeit für Ruhe und Muße, ohne Verpflichtungen. Die Hingabe bleibt meine Begleitung und vielleicht wird das eh schon überquellende Notizbuch bei meiner Rückkehr nur umso voller sein. Oder aber ich werde die weißen, unbeschriebenen Seiten genießen. Wir werden sehen!

PS. Da man ja im Internet nicht schreiben soll, wenn man in den Urlaub fährt: Liebe Einbrecher, ich habe einen gefährliche Katze, die die Wohnung hüten wird. Sie bekommt dabei Unterstützung von einer lieben menschlichen Freundin und einer Papageiendame. Also seht euch vor!

Mein Wort für 2015: Hingabe

Seid ihr alle gut ins neue Jahr gekommen? Ich musste mich ja wirklich zurückhalten, an Neujahr nicht gleich den nächsten Beitrag zu schreiben und euch da schon von meinem Wort für 2015 zu erzählen. Der Vorteil, erst jetzt darüber zu schreiben, liegt jedoch klar auf der Hand: Mein Wort für 2015 ist ganze 8 Tage erprobter und fühlt sich immer noch genauso perfekt an.

Aber von vorne: Wie ich schon hier und da berichtete, reflektiere ich Ende Dezember gern das alte Jahr mit dem Workbook von Susannah Conway. Fast noch wichtiger als der Rückblick ist jedoch der Ausblick auf das neue Jahr. Welche Pläne und Ziele habe ich? Was liegt an? An welchen Stellen will ich investieren, an welchen mich zurücknehmen? Susannahs Fragen für das neue Jahr machen Mut, groß zu träumen und dann aber nicht bei einer schillernden Vision stehen zu bleiben, sondern ganz konkret Schritte zu wagen.

Ein wichtiger Baustein dabei ist das Wort für das neue Jahr. Es handelt sich dabei um ein Wort, das einen im jeweiligen Jahr begleitet. Es kann ein persönliches Ziel verdeutlichen, einen Wunsch, ein Bedürfnis und einfach etwas, das man im Blick behalten möchte. Im Dezember war ich zunächst noch völlig ohne Plan, was mein Wort für 2015 sein sollte. Ich nahm mir ein paar Tage Zeit, immer wieder darüber nachzudenken, wohin ich mit 2015 will und wovon ich mehr in meinem Leben brauche. Es ist mir wichtig, dass mein Wort etwas Ermutigendes und Beflügelndes hat, dass ich gern daran denke und mich dadurch beschwingt fühle, die Dinge auch anzupacken.

Nun ist mein Wort für 2015 Hingabe. Auf einem kleinen Umweg habe ich es gefunden, denn zunächst hatte ich das Wort Stärke im Sinn. Da ich ein paar wirklich große Brocken vor mir habe, dachte ich, dass es für dieses Jahr sehr passend sein konnte. In meinem Versuch, Stärke näher zu beschreiben, entdeckte ich schließlich den Begriff der Hingabe, der noch so viel besser passt. Stärke bedeutet für mich gesammelt und aktiv zu sein, mein Leben bewusst zu leben, entsprechend aufzutreten und dabei die Zeit auszukaufen.

Hingabe beschreibt diesen Zustand mit noch mehr Liebe und Herzblut. Dazu passt für mich auch gut der Spruch, den ich zum Jahreswechsel auf Twitter las:

2015
1. Identify the essential
2. Eliminate the rest

Das trifft es so gut. Man kann nicht an alles und jeden hingegeben sein, sondern bei Hingabe geht es um die Dinge und Menschen, die mir wirklich wichtig sind. Mit wem möchte ich dieses Jahr Zeit verbringen? (Nicht nur sagen, ach, wäre das schön, sich mal wiederzusehen, sondern auch tatsächlich was ausmachen!) Welche Projekte will ich vorantreiben? Welchen Traum endlich verwirklichen?

Als unterstützende Wörter habe ich mir – neben dem schon gefundenen Begriff der Stärke – noch drei weitere ausgesucht:

1. Vertrauen
Vertrauen war mein Wort in einem sehr gelungenen Jahr 2013, ich habe es auf verschiedene Bereiche bezogen – Vertrauen in Menschen, in Gott und in mich selbst – und es war mir ein guter Wegbegleiter. Die Erfahrung, vertrauen zu können, war etwas, was ich sehr nötig hatte und an vielen Stellen wurde ich nicht enttäuscht. Ende 2013 konnte ich notieren, dass ich ein tiefes Vertrauen in das Leben selbst und den Lebensweg als Grundgefühl empfinde. Diese Vertrauensbeziehungen sollen mich auch 2015 begleiten, ich will nicht vergessen, welch gute Menschen mir zur Seite gestellt sind und was ich schon an Erfahrungen machen konnte.

2. Gebet
Gebet, tatsächlich. Ich und Beten, das ist ja nicht immer so die beste Paarung. Mit meinem früheren freikirchlichen Gebetsgeplappere kann ich nicht mehr viel anfangen und außer manchen kontemplativen Zeiten habe ich auch noch keine richtige Alternative für mich gefunden. Stattdessen beschwert mich mein Kopf so oft mit Gedanken, ob ein Gebet nun angemessen und gut und richtig sei, dass ich am Ende oft eher schweige oder ganz auf das Gebet verzichte. Dabei ist das Gebet eine Quelle der Kraft! (Ja, ist es wirklich.) Und weil mein erster Punkt ja „Vertrauen“ ist, will ich es wagen und mit bewussten Gebetszeiten die Hingabe auch in und aus dem geistlichen Bereich leben.

3. Disziplin
In Sachen Disziplin ist ein Umdenken angesagt: Disziplin ist FÜR mich, hilft mir und macht mich stärker. Disziplin hilft mir, mit Hingabe die Dinge zu tun, die mir wirklich wichtig sind. Es wird mir besser gehen, wenn ich früher ins Bett gehe und früher aufstehe. Ich werde mehr vom Tag haben. Disziplin zu halten ist keine Aufgabe für sich selbst, sondern Disziplin ist immer eine Unterstützung von etwas Größerem. Dieses Denken hämmere ich nun seit einigen Tagen in meinen Kopf und kann bisher nur feststellen: Es bewahrheitet sich.

Ja, das sind große Worte und wieder einmal geht es um eine Lebenseinstellung und nicht um eine Handvoll guter Vorsätze, von denen schon im Februar kaum mehr was übrig sein wird. Wie ich schon einmal schrieb: Ich lebe mein Leben am liebsten von innen nach außen. Wovon ich innerlich überzeugt bin, das wird auch nach außen hin – über kurz oder lang – sichtbar werden. Scheitern gehört zum Leben dazu, es soll einen nur nicht davon abhalten, den gewählten und für gut & richtig befundenen Weg weiterzugehen.

Habt ihr auch ein Wort für 2015? Ein Motto oder ein ganz bestimmtes Ziel? Wer und wie wollt ihr 2015 sein?

Meine Werte: Großzügigkeit – #7 Für eine andere Person das Essen bezahlen, die nicht damit rechnet

Großzügigkeit hat mich schon immer beeindruckt und gehört zu den Dingen, die ich an anderen Menschen besonders schätze. Dabei geht es nicht darum, besonders teure Geschenke zu machen oder viel Geld für jemanden auszugeben. Großzügigkeit ist an allererster Stelle eine Haltung, mit der man anderen Menschen begegnet. An vielen Stellen kann man sie auch mit dem Begriff der „Freigiebigkeit“ beschreiben. Gerne zu geben, nicht krampfhaft am Eigenen festzuhalten, sondern es loslassen zu können, ohne darüber nachzudenken, was im Gegenzug für einen selbst dabei rausspringt.

Meiner Beobachtung nach hängt Großzügigkeit ganz stark davon ab, ob ich selbst das Gefühl habe, viel oder wenig zu haben. Vielleicht denkt sich hier der ein oder andere: „Na, ist doch logisch! Wer viel hat, kann auch viel geben!“, doch genau dem möchte ich widersprechen. Es geht nicht darum, wie viel man tatsächlich hat, sondern ob man das Gefühl hat, genug oder zu wenig zu haben. Du kannst in einem Penthouse mit einem prall gefüllten Ankleidezimmer wohnen und trotzdem das Gefühl haben, dass es dir nicht reicht. Ebenso kannst du mit 3 Hosen und 8 Tshirts von 500 Euro im Monat leben und ganz ähnliche Gedanken haben. Der Verstand sagt beim einen Fall: „Wie bitte?“ und beim andern Fall „Zu Recht!“. Aber bei einer Haltung der Großzügigkeit geht es nicht darum, was der Verstand sagt.

Ich habe mich mit dem Großzügigsein nicht immer leicht getan. Vielleicht habe ich es mir deshalb auch für 2014 mit meinem #7 auf die Liste gesetzt. Es ist eine Richtung, die ich einschlagen will, einen Weg, für den ich mich vor einiger Zeit entschieden habe. Ich erinnere mich gut daran, wie ich vor ungefähr zwei Jahren mit einer Freundin in einem Lokal saß und sie zu dem Thema „Umgang mit Geld“ befragte. Sie hat so eine unkomplizierte Einstellung dazu, dass ich von ihr lernen wollte und wissen wollte, wie sie darüber denkt. Sie erklärte mir, dass sie aus ihrem Glauben heraus alle Dinge, die sie besitzt, als „vorrübergehend anvertraut“ ansieht. Das Geld, das sie hat, gehöre ihr nicht, sondern sie habe es eben jetzt gerade, um damit zu wirtschaften und etwas Gutes anzustellen. Dieser Gedanke hat mich noch eine ganze Weile beschäftigt.

Wie ich jedoch schon andeutete, geht es mir beim Punkt Großzügigkeit nicht vorrangig um Geld, auch wenn das in unserer kapitalistischen Gesellschaft natürlich schnell ins Auge springt. Ich möchte daher als Anregung drei Dinge nennen, mit denen man großzügig sein kann:

1. Zeit: Lass uns einen übervollen Terminkalender vermeiden, um spontan Zeit für andere Menschen zu haben! Lass uns gelegentlich auf eine Stunde Schlaf verzichten, um eine Freundin am Telefon zu trösten! Lass uns Verabredungen nicht irgendwo dazwischenquetschen, sondern ihnen ausreichend Zeit zugestehen (siehe auch mein Beitrag zur Verbindlichkeit).

2. gute, aufmunternde Worte: Lass uns großzügig mit Lob und Komplimenten sein! Großzügig bedeutet nicht beliebig und genauso wenig bedeutet es, alles an anderen gut zu finden. Es geht vielmehr darum, Kleinigkeiten wahrzunehmen und auch zu benennen. Es gibt so viele Situationen, in denen ich mich über andere freue – warum dieser Freude nicht Ausdruck verleihen?

3. sich selbst: Von dieser Möglichkeit der Großzügigkeit hat mir Saphira bei der Con:Fusion erzählt, als wir uns über das Predigen in der Gemeinde unterhielten. Sie meinte dabei, sie habe keine großartige theologische Ausbildung oder besondere Fähigkeiten, um die Bibel zu erklären. Was sie aber habe, sei sie selbst als Person und es falle ihr leicht, mit ihrem eigenen Leben freigiebig zu sein: von sich zu erzählen, Erfahrungen mitzuteilen, auch Tiefpunkte und Krisen nicht zu verschweigen. Das ist für mich auch Großzügigkeit. Lass uns großzügig mit uns & unseren Geschichten sein!

Zuletzt will ich auf meinen Vorsatz zurückkommen: #7 Für eine andere Person das Essen bezahlen, die nicht damit rechnet. Dieser Punkt hat mich das ganze Jahr hindurch begleitet und dafür gesorgt, dass ich immer wieder die Augen offen gehalten und nach dem passenden Moment gesucht habe. Ich hatte wenig Gelegenheit dazu, für andere Menschen das Essen zu bezahlen, doch schließlich gab es einen guten Zeitpunkt. Endlich!

Das Beobachten und Nachdenken über meinen Umgang mit Geld hat mich jedoch  verändert. Besonders das oben erwähnte Gespräch mit meiner Freundin hat dabei meine Denkweise geprägt, sodass es auch anderen auffiel. Ich habe mir nämlich (anfangs ohne es selbst zu merken) angewöhnt, zu verleihen ohne zurückzufordern. Wenn jemand tatsächlich etwas braucht: ein paar Euro für ein Getränk oder die Zugfahrkarte, dann ist das doch die beste Gelegenheit, um großzügig zu sein. Gedanklich verbuche ich das Geld in dem Moment als Geschenk und wenn es zurückkommt, freue ich mich daran. Mein Gefühl sagt mir, dass ich dabei auch bisher alles zurückbekommen habe (wobei ich mir da natürlich nicht sicher sein kann ;-))

Ich schreibe das nun nicht, um zu zeigen, wie toll ich diese Tugend schon verinnerlicht habe, sondern um deutlich zu machen, dass Großzügigkeit etwas sehr Individuelles ist. Für mich passt es gerade ganz gut, großzügig beim Verleihen zu sein, weil ich glaube, es mir leisten zu können. An dieser Stelle muss ich über das Geben nicht nachdenken. Vielleicht geht es dir bei einem ganz anderen Punkt genauso oder dich haben einzelne Punkte in meinem Beitrag angesprochen, weil sie dir leicht fallen. Ich denke, an diesen Stellen kann man anfangen. Wann und womit man großzügig ist, kann ganz verschieden sein. Mir ist es wichtig, mich selbst zwar immer wieder herauszufordern, aber nicht zu etwas zu zwingen. Es geht mir nirgends um ein „Du musst…“, sondern immer darum, Möglichkeiten aufzuzeigen.

Was denkst du zum Thema Großzügigkeit? Wo fällt es dir leicht, wo schwer? Hast du noch weitere Ideen, wann und wie man großzügig sein kann?
Ich freue mich auf deinen Kommentar!

PS. Beim Thema Geldverleih hat Ben noch einen Hinweis für diejenigen, die vielleicht eher in der Situation ist, jeden Euro dreimal rumzudrehen zu müssen und zwar gern verleihen, aber auch darauf angewiesen sind, das Geld wieder zurückzubekommen: Schuldscheine schreiben. Kleine Zettel im Geldbeutel, auf die man gemeinsam Zeitpunkt und Betrag einträgt, sodass beide Beteiligten die Rückgabe nicht vergessen. So kann man großzügig verleihen, ohne um die eigene Grundversorgung bangen zu müssen.

Meine Werte: Verbindlichkeit

In diesem Beitrag habe ich schon angekündigt, dass ich eine Reihe über Werte machen möchte. Als Werte bezeichne ich dabei Eigenschaften und Verhaltensweisen, die mir persönlich wichtig sind. Meine Sammlung ist also völlig subjektiv und ich will auch gar nicht anfangen, das irgendwie zu gewichten oder zu sortieren. Vielmehr beschreibe ich frei Schnauze, was mir am Herzen liegt. Wichtig ist noch zu sagen, dass ich hier meine eigenen Ideale beschreibe, die ich versuche, so gut ich es kann, umzusetzen. Es braucht also keiner zu denken, dass ich ein Übermensch bin und das alles immer genauso hinbekomme, wie ich es gern hätte.

Verbindlichkeit

Wie oft habe ich die folgenden Sätze schon gehört? „Keiner will sich mehr festlegen.“, „Alles ist so unverbindlich geworden“, „Heute hier, morgen dort“, „Wieso können mir die Leute nicht zu meiner Party zusagen?“, „Man kann ja heutzutage echt gar nix mehr planen .“

Ich will euch sagen: Ich kann diese Jammerei nicht mehr hören! Ich finde das Beklagen der Unverbindlichkeit bei anderen sogar noch schlimmer und nervtötender als deren tatsächliche Unverbindlichkeit.

Mit Zygmunt Bauman gesprochen (ha! Wie schnell ich das doch hier anbringen kann!) leben wir in einer fluiden Moderne, in der sich die Dinge „verflüssigen“. Es gibt eine Pluralität an Normen, nicht mehr das eine große Ziel, das man gemeinsam erreichen möchte und für das man persönlich auch mal zurücksteckt. Im Gegenteil heißt die Ansage heute: Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung. Menschen sind überfordert mit einem Übermaß an Möglichkeiten und legen sich tatsächlich nur noch ungern fest. Die meisten Entscheidungen werden danach getroffen, was einem zu noch mehr Möglichkeiten verhilft. (Hab ich bei der Wahl meiner Studiengänge auch nicht anders gemacht.)

Im zwischenmenschlichen Bereich kann diese Tendenz zur Unverbindlichkeit für einigen Ärger und Enttäuschung sorgen. Doch wie ich schon schrieb, wir wollen nicht darüber jammern und uns beklagen – angesichts des strukturellen Hintergrunds bzw. der gesellschaftlichen Entwicklung ist das meiner Meinung nach verschwendete Zeit und Energie.

Da ich andere Menschen nicht ändern kann, sondern nur mich selbst (auch so eine Binsenweisheit!), habe ich für mich persönlich entschieden, Verbindlichkeit als einen hohen Wert anzusehen und in meinem Leben entsprechend umzusetzen.

Verbindlichkeit bedeutet für mich, sich an die eigenen Aussagen gebunden zu wissen.
Ich sage nichts zu, was ich nicht auch einhalten kann und will. Ich möchte zuverlässig sein. Damit das funktioniert, muss ich meine eigenen Zusagen ganz bewusst treffen. Dies erfordert von mir die Bereitschaft, mich auf eine Sache festzulegen (und damit zu leben, dass ich andere Sachen dann nicht machen kann). Anfangs kann das schwierig sein, doch je länger ich den Wert der Verbindlichkeit einübe, desto leichter fällt es mir. Ich fühle mich freier und zufriedener.

Ein beliebtes Thema bezüglich Verbindlichkeit sind Terminvereinbarungen.
Wenn ich Einladungen und Anfragen bekomme, schaue ich, ob ich Zeit habe und treffe eine Entscheidung. Passt es mir oder passt es mir nicht? Willst du mich zum Beispiel am Donnerstag Abend zu einem Vortrag einladen, dann kann ich dir gleich absagen, weil ein anderer Termin im Kalender steht (Entscheidung getroffen, Sache erledigt, kein Nachdenken mehr!). Möchtest du hingegen mit mir am Freitag Nachmittag einen Kaffee trinken gehen, spricht laut Kalender nichts dagegen. Dennoch werde ich erst schauen, wie viele Termine ich rundherum habe. Wenn die Gefahr besteht, dass ich den Termin nicht einhalten kann (z.B. weil ich weiß, dass meine ganze Woche sehr anstrengend ist), schlage ich besser einen Alternativtermin vor (auch wenn der erst in 2 Wochen liegt!). Wenn ich dich treffe, dann möchte ich für dich auch Zeit haben.

Sicher kann es passieren, dass ich mir bei der Anfrage noch unsicher bin oder zuvor etwas abklären muss. Um jedoch einen überfüllten Terminkalender mit lauter ???-Terminen zu vermeiden, werde ich dir einen Zeitpunkt nennen (und einhalten!), an dem ich ihm definitv zu- oder absagen werde.

Ist ein Termin einmal zugesagt, dann halte ich ihn ein.
Diese Festlegung erleichtert mir das Leben. Ich kann weitere Anfragen direkt absagen und du kannst dich darauf verlassen, dass ich auch tatsächlich mit dir Kaffee trinken gehe, selbst wenn noch eine Geburtstagseinladung reinkommt. Natürlich kann es auch sein, dass ich einmal einen Termin verschieben möchte. Für mich gilt aber in diesem Fall: Das Abgemachte hat Priorität. Bedeutet ein Alternativtermin für dich nur Stress, hat unsere Verabredung Vorrang.

Diese Haltung ist dem anderen und mir selbst gegenüber wertschätzend. Wenn ich weiß, dass ich den Termin auch einhalten werde, kann ich mich bewusst darauf freuen. Ich werde mich selbst nicht sabotieren und mir diese Freude kaputt machen. Auch möchte ich die Vorfreude des anderen nicht durch eine kurzfristige Absage zerstören.

Es ist ein Irrglaube, zu denken, durch eine Festlegung verliere man an Freiheit.
Das Gegenteil ist der Fall: Ich gewinne an Klarheit und bin frei, mich ganz auf eine Sache einzulassen (ohne zig Alternativen im Hinterkopf zu haben!). Ich kann ganz den Moment erleben (womit wir auch wieder bei einem Merkmal der fluiden Moderne wären: Leben im Hier & Jetzt). Meine Zeit ist mir wertvoll, daher plane ich auch ausreichend für mich selbst ein. Es gehört für mich zu einem verantwortungsvollen Umgang mit mir selbst und anderen, die eigenen Bedürfnisse und auch die Vorbereitungszeit auf bestimmte Termine so gut wie möglich abzuschätzen und entsprechend zu planen.

Und wenn es doch mal schief geht?
Dann reißt dir keiner den Kopf ab! Was ich hier beschreibe, ist in erster Linie eine Frage der Haltung. Es ist eine Absicht, ein Einüben und sich langsam dran gewöhnen. Wenn du dich daran versuchen willst, dann geht das nur Schritt für Schritt. Beim nächsten Termin, der kommt. Oder beim aktuellen, den du vereinbart hast und bei dem du nun grübelst, ob das denn so klug war. Ich bin selbst noch am Üben und stelle immer wieder fest, wo ich mich vielleicht übernommen habe. Daraus versuche ich für das nächste Mal zu lernen. Kein Mensch ist perfekt und wir werden es auch nicht! Aber wir können uns HEUTE für diesen Wert entscheiden.

Ich für meinen Teil lebe sehr gut damit – und bin gespannt auf deine Meinung!
Schreib mir gerne einen Kommentar!